Glaube


Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie oft Sie am Tag „ich glaube“ sagen? - Gedanken von Gerlinde Busse

Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie oft Sie am Tag „ich glaube“ sagen? Kann ich nur empfehlen! Nach meinem Tag des Aufpassens wusste ich, es ist oft, sehr oft und sehr banal:  Ein Beispiel: Ich glaube, dass ich noch die Straßenbahn erreiche. Und gleich ist mir da klar: Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich hoffe es, aber….. So gesellt sich gleich der Zweifel dazu. Der, wie der kleine Bruder, sich zu Glauben und Hoffen schleicht. Wie gesagt, so täglich und so banal.

 Es stellte sich für mich dann die Frage: Wie oft kommt „glauben“ im NT vor, wie oft im AT?  Wie gut, dass es KI gibt!
Im Neuen Testament ist „Glaube/glauben“ eines der zentralen Wörter.
Das griechische Verb pisteuein („glauben“) kommt etwa 243-mal vor, das Substantiv pistis („Glaube“) fast ebenso oft. Insgesamt also ungefähr 500 Belege.

 Im Alten Testament erscheint der eigentliche Begriff deutlich seltener.
Das hebräische Verb für „glauben/vertrauen“ (’aman) findet sich nur etwa 51-mal. Hier steht stärker die Idee von Treue, Verlässlichkeit und Bund im Vordergrund — also: Gott treu bleiben und auf ihn vertrauen.

Im Gegensatz dazu wird im Neuen Testament das Wort „Glaube“ fast zum Herzstück:  Ich glaube, ich vertrauen auf Jesus, Glaube ist Hoffnung gegen die Angst, Vertrauen trotz Unsicherheit. Soweit KI.

Der plötzliche, unerwartete Tod unserer so sehr geschätzten und geliebten Pfarrerin Assunta Kautzky haben mich tief getroffen und erschüttert. Auch die Nachricht vom wahrscheinlichen baldigen Ableben meiner Schwägerin bringen – ehrlich gesagt – meinen Glauben sehr ins Schwanken. Das große WARUM steht da!
Krankheit, Leid und die Erfahrung, wie zerbrechlich unser Leben eigentlich ist, sind plötzlich ganz nah gerückt. Menschen, die voller Pläne waren, stehen auf einmal vor schlimmen Diagnosen, verbunden mit Ängsten und mit Hoffnung, sind plötzlich nicht mehr da, hinterlassen einen leeren Platz. In solchen Momenten bekommen die Worte Glaube, Hoffnung und Zweifel ein anderes Gewicht. Es sind keine theologischen Begriffe mehr, sondern existenzielle Fragen.
Sicher haben auch Sie sich nach tiefgreifenden Ereignissen die Frage gestellt: Wo ist Gott, an den wir ja glauben, geblieben? Wo finde ich Halt in meiner Verzweiflung, wo finde ich Hoffnung?
Da klingt das alte „Credo“ nicht mehr wie ein feierliches Bekenntnis,
sondern wie eine leise Frage: Was trägt noch, wenn vieles ins Wanken gerät?
Was wirkt in diesen Momenten stärker? Der Zweifel, die Hoffnung, der Glaube?

Gerade in einer Zeit, die von Krieg, Zerstörung, Hunger und erschreckenden Machtspielen geprägt ist, drängen sich Zweifel in unsere Herzen und Gedanken. Wir fragen uns: Wohin führt das alles? Und wo gibt es noch Hoffnung für eine Natur, die wir selbst so tief verwundet haben?

Vielleicht ist genau das der Glaube heute: Nicht das feste Wissen, dass alles gut ausgehen wird, sondern das vorsichtige Vertrauen, dass wir selbst im Dunkel nicht ganz verloren sind. Denn echter Glaube ist nicht die Abwesenheit von Zweifel.
Sondern der Mut, trotz des Zweifels die Hoffnung nicht ganz loszulassen.
Denn es gibt sie: Menschen, die nicht wegsehen. Menschen, die sich mit Mut, Mitgefühl und Selbstlosigkeit für das Leben anderer und für die Bewahrung unserer Welt einsetzen. Menschen, die da sind, wenn es einem schlecht geht. Menschen die trösten.

Glaube beginnt nicht dort, wo wir alles verstehen. Nicht dort, wo wir sicher sind, dass alles gut ausgeht. Sondern dort, wo wir mitten in Angst und Ohnmacht trotzdem nicht aufhören zu hoffen. So stehen sie nebeneinander: der Glaube, der sucht, die Hoffnung, die trägt und der Zweifel, der fragt.

Luther betont immer wieder, dass der Mensch sich den Glauben nicht „macht“. Glauben ist ein Geschenk, also Gnade Gottes. Es ist eine Gnade, auf den Glauben vertrauen zu können, dass die Hoffnung jeden Zweifel vertreibt. Luther kannte starke innere Zweifel und Ängste. Er sprach oft von „Anfechtung“. Gerade im Ringen, Fragen und Zweifeln zeigte sich für ihn echter Glaube — nicht in perfekter Sicherheit.
Wo Gnade erfahren wird, kann Hoffnung wachsen. Wo Hoffnung lebt, verstummt der Zweifel nicht — aber er verliert seine Macht.

Im christlichen Kontext war früher Glaube eine unabdingbare Gewissheit und ist auch heute noch verankert. Ein klares und festes „Ich glaube“ findet man in der Mozart Messe in C-Dur KV 257, die sogenannte Credomesse. Hier erklingt das Wort „Credo“ im Credo-Satz insgesamt 18-mal. Wenn man die Messe hört oder vielleicht im Chor mitsingt (so wie ich), bekommt das beinahe etwas Existentielles: Nicht ein einmal gesprochenes „Ich glaube“ — sondern ein immer neues, wiederholtes, vielleicht auch ringendes „Credo …ein trotzdem.“

Zum Schluss möchte ich mit einem „Credo“, einem „Ich vertraue“ von Hans-Christoph Gossmann enden:

Ich vertraue auf Gott, der die Welt erschaffen hat und der uns Menschen, die wir Teil seiner Schöpfung sind, das Vertrauen zuspricht, mit ihr verantwortungsvoll umzugehen.

Ich vertraue und glaube auf Gottes Heilende Zuwendung, die wir in Jesus Christus erfahren.

Ich vertraue und glaube auf Gottes Wirken in seiner Schöpfung, durch das er uns Menschen Zugänge zu ihm, zu uns selbst und zu allen Menschen, gleich welchen Glaubens eröffnet.

So möchte ich mit einem Text aus dem Römerbrief 15,13 Ihnen noch einen schönen Abend, mit interessanten Erlebnissen in der Langen Nacht der Kirchen wünschen:
„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ (Rö 15,13)

 

Gerlinde Busse, Obfrau Ökumenische Initiative Tirol

oekumene-tirol.at

 

Kategorie: Blog, Missionarische Pastoral

Datum: 15.06.2026

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