Größe im Sinne von Achtsamkeit und Verantwortung


Die Pfarre Saggen ist heute offiziell dem Klimabündnis Tirol beigetreten. In der Deutung des Sonntagsevangeliums hat Bischofsvikar Jakob Bürgler eine Brücke zum Anliegen der Schöpfungsverantwortung gebaut. Seine Predigt finden Sie im Link.

25. Sonntag im Jahreskreis / 19. September 2021

Mk 9,30-37
30 Sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr; 31 denn er belehrte seine Jünger und sagte zu ihnen: Der Men-schensohn wird in die Hände von Menschen ausgeliefert und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen. 32 Aber sie verstanden das Wort nicht, fürchteten sich jedoch, ihn zu fragen.
33 Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr auf dem Weg gesprochen? 34 Sie schwiegen, denn sie hatten auf dem Weg mitei-nander darüber gesprochen, wer der Größte sei. 35 Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. 36 Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: 37 Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.

 

Eindrucksvoll wird heute im Evangelium beschrieben, wie Jesus seine Jünger mit einer schwierigen Sache konfrontiert, nämlich mit seinem bitteren Ende. Wie er die Seinen behutsam darauf vorbereitet, dass Leiden und Tod auf ihn warten. Er geht mit ihnen den Weg allein. Er nimmt sie heraus aus der großen Menge, weil er will, dass sie ihm ganz nahe sind.
Die Frage nach dem gewaltsamen Tod und dem bitteren Schicksal des Messias ist ja wirklich eine heikle, eine schwierige Frage, und es ist durchaus verständlich, dass sich die Jünger damit schwertun, dass sie nichts begreifen und dass sie Jesus nicht verstehen. „Aber sie verstanden das Wort nicht, fürchteten sich jedoch, ihn zu fragen." (Mk 9,32) Die Frage nach dem Sinn von Leiden und Sterben, von Unheil und Schicksal, von Ohnmacht und Erniedrigung lässt zurückschrecken. Auch uns. Auch wir tun uns nicht leicht damit.
Leichter ist es, über die Frage zu reden, wer denn der Größte ist, wer mehr zählt, wer mehr Macht hat, wer mehr gilt und wer was zu sagen hat. Das tun die Jünger. Sehr peinlich angesichts der Ankündigungen Jesu. Aber: Die Frage nach der Größe ist leichter zu besprechen. Sie kommt einem einfacher über die Lippen. Schließlich geht es dabei um Erfolg, um Anerkennung, um Durchsetzungsvermögen, um die eigene Leistung, nicht um Ohnmacht, Kleinsein und Demut.
Was aber geschieht wirklich, wenn Menschen immer nur nach dem ersten Platz greifen? Wenn Macht und Durchsetzungsvermögen dominieren? Wenn die zerbrechlichen Seiten des Lebens ausgeblendet werden? Jakobus beschreibt dies eindrücklich in seinem Brief: „Wo Eifersucht und Streit herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art. ... Woher kommen Kriege bei euch, woher Streitigkeiten? Etwa nicht von den Leidenschaften, die in euren Gliedern streiten? Ihr begehrt und erhaltet doch nichts. Ihr mordet und seid eifersüchtig und könnt dennoch nichts erreichen. Ihr streitet und führt Krieg. Ihr erhaltet nichts, weil ihr nicht bittet." (Jak 3,16;4,1-2) Wenn sich das Leben primär an Ehrgeiz und an Durchsetzung orientiert, wird es kaputt. Es führt in das Durcheinander und in die Unordnung. Die Leidenschaften, die einen Menschen hin und her ziehen, die ihn im Griff haben, die Macht über den Menschen gewinnen, diese Leidenschaften zerstören das Gute und letztlich das Leben.
Jesus merkt wohl, worüber die Jünger sprechen und nachsinnen. Und die Wende könnte radikaler nicht sein. „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein." (Mk 9,35) Und um das anschaulich zu machen, stellt Jesus ein Kind in die Mitte. Und damit wir deutlich: Jesus hat andere Maßstäbe. Es geht ihm nicht um äußerliche Macht. Ein Kind ist Symbol für die Zerbrechlichkeit des Lebens, für die Menschlichkeit, für das Kleine und Unscheinbare.
Jesus durchbricht die Logik des ersten Platzes, die Logik der Größe durch Macht. Er weist mit seinem Leben einen anderen Weg, einen Weg, der mit unseren menschlichen Maßstäben nur schwer zu begreifen ist. Kein Wunder also, dass die Jünger nicht verstehen. Der Mut, klein zu sein. Die Größe, sein Leben zu verschenken. Vielleicht könnte man den Kern der Botschaft Jesu so zusammenfassen: Mit aufrechtem Gang, mit Würde und innerer Stärke klein sein können.
Und nun ein kleiner „Schwenk". Wir stellen heute den Beitritt der Pfarre Saggen zum Klimabündnis Tirol in die Mitte. Und wir wissen das: Was wir in die Mitte stellen, das ist wichtig. Das hat Bedeutung. Das verdient unsere Aufmerksamkeit. Und deshalb möchte ich das heutige Evangelium von dieser Warte her lesen und deuten. Welche Grundhaltungen zeigen sich im Evangelium, die auch im Blick auf das Klimabündnis und auf unsere Schöpfungsverantwortung Gewicht haben?
Jesus geht den Weg der Hingabe, der Gewaltfreiheit, den Weg der Liebe. Und damit wird er zum Leitbild für unseren eigenen Weg, auch für unseren Umgang mit den Mitmenschen, auch für unsere Verantwortung für die Schöpfung. Wir entdecken wie-der, wie wichtig es ist, achtsam zu leben, aufmerksam, mit Einfühlung und Verantwor-tung. Die Schönheit und Kostbarkeit der Schöpfung zu bewahren, in ihr einen dienstbereiten Platz einzunehmen. Nicht alles für sich und zum eigenen Vorteil herauszuholen, der eigenen Macht zu unterwerfen und damit zu zerstören. Es braucht auch im Umgang mit der Natur eine „Hingabe", die bereit ist zum Verzicht, sich zurückzunehmen und bescheidener zu sein. Mit Jesus Hingabe leben.
Und dann die Frage nach dem, wer der Größte ist. Wer setzt sich durch? Wer kann bestimmen? Wer hat die Macht und braucht keine Rücksicht zu nehmen? Wohin dieser Weg der Dominanz und des Herrschens, auch über die Schöpfung, führt, können wir leider zunehmend beobachten: Kriege, Zerstörung, Katastrophen, bedrohtes Leben, Migration wegen Verarmung und weil natürlichen Lebensräume kaputt gemacht werden, Wegwerfgesellschaft, immenser Verbrauch von Energie. Papst Franziskus macht darauf aufmerksam, dass eine Gesellschaft, die viele Güter wegwirft, letztlich auch zur sozialen Wegwerfgesellschaft wird. Dass Menschen, die besondere Bedürfnisse haben, „weggeworfen" werden, an den Rand gedrängt und zur Seite geschoben: Alte Menschen, Menschen, die nicht mehr viel leisten können, behinderte Menschen, kranke Menschen. Wenn nur die äußerliche Größe zählt, zerbrechen die Kräfte des Zusammenhalts und des guten Lebens.
Und schließlich das kleine Kind. Jesus stellt es in die Mitte und nimmt es in seine Arme. Er birgt es in seinen Armen, an seinem Herzen. Das gilt es neu einzuüben: Die Grundhaltung der Bergung, der Bewahrung, der Achtung, der Umsicht. Und es ist ganz wichtig, vom Kind in der Mitte zu lernen: Kleine Schritte zu tun. Besser ein kleiner Schritt als gar kein Schritt. Bereit sein, zu wachsen. Nach und nach dem Leben mehr Profil und Klarheit zu geben. Auch im Blick auf die Schöpfungsverantwortung.
Die Pfarre Saggen tritt heute offiziell dem Klimabündnis Tirol bei. Damit sind etliche Herausforderungen und Pflichten verbunden. Sie haben allesamt mit einem achtsamen, nachhaltigen, verantwortungsbewussten Umgang mit der Schöpfung Gottes und deren Ressourcen zu tun. Ein besonderer Schritt. Heute in unserer Mitte. Gott möge diesen Schritt segnen.

Jakob Bürgler

Hier finden Sie die Predigt auch als PDF.

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Diözese Innsbruck
Msgr. Mag. Jakob Bürgler
Bischofsvikar für missionarische Pastoral
Domplatz 2
A-6020 Innsbruck

 

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