Gottes Berührung öffnet


Das Evangelium vom Sonntag erzählt von der Heilung des tauben und stummen Menschen. Jesus Christus macht es möglich, dass sich Wirklichkeiten öffnen. Gedanken dazu von Bischofsvikar Jakob Bürgler können Sie im Link lesen. Foto: pixabay

23. Sonntag im Jahreskreis / 5. September 2021

Mk 7,31-37
31 Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis. 32 Da brachten sie zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen. 33 Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; 34 danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! 35 Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden. 36 Jesus verbot ihnen, jemandem davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr verkündeten sie es. 37 Sie staunten über alle Maßen und sagten: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.

 

Ich weiß nicht, ob ihr einen Menschen kennt, der taub ist, der eine Hörbehinderung hat. Vielleicht ist euch auch jemand bekannt, der nicht sprechen kann. Zumindest nicht mit der Zunge.
Immer wieder treffe ich auf Menschen, die – auch in Innsbruck – unterwegs sind, und sich mit der Gebärdensprache unterhalten. Eine besondere Erinnerung habe ich an die Gottesdienste, die ich mit hörbehinderten Menschen gefeiert habe. Sie gehören für mich zu den eindrucksvollsten Feiern, die ich erlebt habe. Nach außen hin alles ganz still, aber der Raum und die Atmosphäre voller Leben und Energie. Gott sei Dank gibt es die Gebärdensprache.
Aber trotzdem: Nicht hören zu können und schwer sprechen zu können, ist eine starke Beeinträchtigung. Ich erinnere mich an eine ältere Frau in meiner Zeit als Pfarrer, die immer wieder zur Beichte gekommen ist. Wir haben uns gut verstanden, trotzdem sie nicht hören konnte und ihr Reden – wie es im Evangelium geheißen hat – ein Stammeln war.

Warum ist dieser Mann im Evangelium taub und stumm? Ich vermute, dass er es von Geburt an ist. Aber es kann auch andere Gründe geben, warum jemand das Gehör und die Sprache verliert. Vielleicht hat nie jemand ein gutes Wort für diesen Mann gehabt, und er ist verstummt. Vielleicht erfährt er keine Freundschaft. Vielleicht erlebt er alles, was er hört, als Bedrohung, und macht zu, verschließt sich in sich, verkrümmt sich in sich selber und reagiert nicht mehr. Manchmal lassen auch übergroße Wunden und Lasten einen Menschen verstummen. Und er hört kein Signal der Hoffnung mehr. Vielleicht ist jemand am Leben verzweifelt, oder hat niemanden, der ihn versteht und das Leid mit ihm teilt. Vielleicht bleibt kein Grund mehr, etwas das öffnet und aufmacht, zu erwarten.
Es gibt viele Arten der Hörbehinderung und der Unfähigkeit zu sprechen. Es ist gut, den Blick ein wenig zu weiten.

Und dann heißt es, dass sie, die Leute, diesen Taubstummen zu Jesus bringen. Interessant. Nicht er selbst geht zu Jesus. Sie bringen ihn zum Herrn. Vielleicht hat er keine innere Kraft, diesen Schritt zu tun. Vielleicht wagt er es nicht, oder sieht keinen Sinn darin. Vielleicht sind seine Füße blockiert, und sein Herz. Also: Andere helfen, dass dieser Verzagte zu Jesus kommt.
Und wenn ich jetzt fragen würde, was da unsere Aufgabe ist, würden wir alle die Antwort wissen: Es ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen, verzagte Menschen zu Jesus zu bringen. Indem wir sie in unser Gebet nehmen. Indem wir im einfühlsa-men Gespräch etwas von unserem Glauben erzählen. Indem wir die christliche Hoffnung auf Trost, den wir ja alle brauchen, ausdrücken und teilen.

Was tut Jesus? Er nähert sich dem hörbehinderten Mann so, wie er es verstehen und erfassen kann. Nicht durch Worte, die er ja nicht hören kann. Nicht durch eine Sprache, die er nicht versteht oder die ihn nicht erreicht. Er redet ihn nicht mit einem un-verständlichen Kirchenlatein an.
Er berührt ihn. Er schenkt ihm eine zärtliche Aufmerksamkeit, die über die Haut und unter die Haut geht. Er berührt ihn an den wunden Organen, mit großer Innigkeit und Nähe. Mit Achtsamkeit und Intimität. Mit dem Finger fährt er ihm in die Ohren, den eigenen Speichel legt er auf die Zunge des anderen. Und der kranke Mann versteht und lässt es geschehen.
Und Jesus deutet das, was er tut. Er sagt nicht: „Mach endlich deine Ohren auf! Hör endlich! Hör endlich zu!" Er sagt auch nicht: „Sag doch endlich etwas! Wenn du nicht redest, bist du selber schuld!" Jesus sagt: „Öffne dich!" Das ist etwas viel Größeres und Umfassenderes.
Öffne dich – will heißen: Mach dein Herz weit! Mache dich innerlich auf! Komm heraus aus deiner Verkrümmung, aus deiner Verschlossenheit! Wage dich heraus in das, was dich ängstigt. Lass wieder etwas in dich hinein! Und dieses „Öffne dich" sagt Je-sus mit der ganzen Zuneigung deines Herzens, nicht befehlend oder schroff. Er schreit ihn nicht an.

Was da geschieht, ist kein Zauberkunststück, kein umwerfendes Event, keine Heilungsshow, keine Sensation und noch weniger ein Spiel mit den Naturgesetzen. Das, was da geschieht, ist eine Begegnung mit dem Geheimnis Gottes. Gott ist da im Spiel. Gott öffnet die Ohren, den Mund, den Menschen. Es ist nicht nebensächlich, dass Jesus zum Himmel blickt. Dass er mit seinem lieben Vater im Himmel Kontakt aufnimmt. Dass er sich verwurzelt, erdet – im übertragenden Sinn, dass er seine „Energiequelle" sucht.
Und Jesus, so heißt es, seufzt. Ich habe mich bei der Vorbereitung auf diese Predigt gefragt, was dieses Seufzen bedeuten kann. Vielleicht, dass Jesus die innere Not des belasteten und eingeschränkten Menschen „übernimmt", dass er „mit ihm" seufzt, dass er sein Leiden mitträgt, dass er es ganz tief in sich hineinlässt. Die Bibel spricht davon, dass die Schöpfung Gottes in Geburtswehen liegt und seufzt, bis endlich die Erlösung kommt.
Wir kennen alle das Seufzen. In ausweglos scheinenden Situationen. Wenn wir nicht mehr weiter wissen. Wenn uns Beziehungen belasten. Wenn wir innere und äußere Schmerzen haben. Das Seufzen entlastet ein wenig, und wir haben in Jesus einen Bruder: Er seufzt. Und wir lernen von ihm: Er seufzt und schaut zum Himmel. Der offene Himmel, von dem Jesus immer wieder spricht, dieser offene Himmel ist die Chance, dass sich etwas öffnet und weitet und entlastet.

„Er hat alles gut gemacht!" sagen die Menschen. Mir, das muss ich ehrlich zugeben, kommt dieses Wort manchmal nicht so leicht über die Lippen. Er hat alles gut gemacht. Aber: Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass „Effata" wirklich geschieht. Dass sich Verkrümmtes und Verhärtetes löst und aufmacht. Dass Ohren sich auftun und ein Wort der Erlösung über die Lippen kommt. Deshalb ist es gut, zu vertrauen. Immer wieder neu. Und sich jeden Tag von Jesus Christus ansprechen und berühren zu lassen: „Effata!" „Öffne dich!"

Jakob Bürgler

Hier finden Sie die Predigt auch als PDF.

 

Anschrift

Diözese Innsbruck
Msgr. Mag. Jakob Bürgler
Bischofsvikar für missionarische Pastoral
Domplatz 2
A-6020 Innsbruck

 

Öffnungszeiten Büro 
Mo-Mi 08:00 - 11:30 Uhr
Mi 13:30 - 16:00 Uhr
Tel.: 0512/2230 9603 

 

 

 

 

Instagram

Infoscreen

Suchen ...

... und finden

GEISTreich - Diözese Innsbruck  
ImpressumLinksammlungDatenschutzKontakt

powered by webEdition CMS