Wie oft vergeben?


Weil Gott in Vor-Lage geht, ist es an uns, seine Versöhnungskraft weiterzuschenken. Gedanken dazu von Bischofsvikar Jakob Bürgler finden Sie im Link.

24. Sonntag im Jahreskreis
17. September 2023
Johanneskirche

Der Schluss des Evangeliums ist hart. Da wird gedroht, oder zumindest Klartext geredet. Wer seinem Bruder und seiner Schwester nicht von ganzem Herzen vergibt, der wird bestraft. Er wird gepeinigt, bis seine eigene Schuld getilgt ist. Wer zu anderen hin nicht versöhnungsbereit ist, der darf auch für sich kein Erbarmen erwarten. Harte Worte.
Und der Beginn des Evangeliums legt die Latte hoch. Wie oft muss ich dem Bruder, der Schwester, dem anderen Menschen vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Die Antwort Jesu: Siebzigmal siebenmal. Also: Unzählbar oft. Eigentlich immer.
Das Ganze klingt nach einem sehr hohen Anspruch, nach großer Leistung, auch nach Überforderung. Kein Wunder, wenn jemand sagt: Das schaffe ich nicht. Dazu bin ich nicht in der Lage. Ich kann das nicht.
Wir wissen, wie schwer es manchmal ist, einen Weg zur Versöhnung einzuschlagen, dem anderen eine Schuld nachzulassen, einen Schritt der Vergebung zu tun, die Wunden im Herzen heilen zu lassen. Vergebung und Versöhnung sind oft lange Wege und nicht auf Knopfdruck herzustellen.
Im Gleichnis vom König, der Rechenschaft verlangt, geht es um die Bereitschaft zu Vergebung und Versöhnung und um die Chance zu einem Neubeginn. Das Beispiel ist eindrucksvoll. Man muss sich das einmal vorstellen: Der eine Knecht schuldet dem anderen 100 Denare. Ein Denar ist der Lohn für die Arbeit an einem Tag. Für 100 Denare muss man also 100 Tage arbeiten. Der andere Knecht schuldet dem König 10.000 Talente. 10.000 Talente sind umgerechnet 60 Millionen Denare. Also der Lohn für 60 Millionen Arbeitstage. 60 Millionen Denare stehen gegen 100 Denare.
Mehr Klarheit braucht es nicht: Der erste Knecht handelt verrückt. Wie kann jemand, der so viele Schulden hat, einem anderen, der ihm gegenüber nur eine kleine Schuld aufweist, so erniedrigend und kleinlich und böse sein?
Um es sich noch besser vorzustellen, zwei Beispiele: Jemand bekommt eine Wohnung geschenkt und gleichzeitig fordert brutal von einem anderen einen geliehenen Teller zurück. Oder: Jemand hat mit einem riesengroßen Segen einen eigentlich tödlichen Unfall überlebt und klagt dann die Rettung, weil er eine Stunde hat warten müs-sen. Das ist verrückt. Das hat keine Verhältnismäßigkeit.
Vielleicht auch wegen dem Schluss und dem Beginn des Evangeliums hören wir im Gleichnis Jesu zuerst einmal: Sei bereit zur Versöhnung! Schließe Frieden! Nütze alle Wege, um Streit und Unfrieden zu beenden! Und das stimmt ja auch: Christ-Sein be-deutet immer auch einen Weg der Versöhnung zu suchen. Neu anzufangen. Das, was trennt, zu überwinden und das Gemeinsame zu suchen.
Aber der Hauptgedanke des Evangeliums ist ein anderer. Der Hauptgedanke lautet: Vergib du, weil Gott dir viel mehr vergeben hat. Weil Gott mit dir unendlich barmherzig ist! Weil Gott die Wunden deiner Schuld heilt und versöhnt. Sei großzügig, weil Gott mit dir großzügig ist. Also: Gib weiter, was dir geschenkt ist! Der König wird im Gleichnis zum Bild für Gott selbst.
Jetzt könnte jemand sagen: Aber was hat Gott mir zu vergeben? Ich habe ja nichts verbrochen? Ich brauche diese Vergebung nicht. Was meint die Bibel, wenn sie von der Versöhnung Gottes spricht? Es geht da nicht nur um eine persönliche Schuld. So nach dem Motto: Du hast Dreck am Stecken und diesen Dreck putzt Gott jetzt weg. Es geht vielmehr um etwas wie einen Nebel von Bosheit, Bitterkeit, Wehtun, Kränkung, um eine „Luft", in die jeder Mensch hineingeboren wird und in der wir leben und atmen.
Wer möchte sagen, dass die Luft in unseren Lungen immer frisch und rein ist? Da gibt es viel Unterstellung, Ablehnung, Kritik, böse Gedanken, harte Worte, Abwertung, Missverstehen, bis hin zu Mobbing und Grobheit. Das kennzeichnet menschliches Zusammenleben und prägt auch mein Verhalten. Und das ist auch die Wurzel von Gewalt und Krieg. Und auch auf Gott hin gedacht gibt es viel Oberflächlichkeit, Gedankenlosigkeit, Distanz. All diesen Nebel, all diese unreine Luft, die wir teils selbst produzieren, nimmt Gott weg.
Auch weil Gott ein Gott der Geduld ist. Er gibt Zeit um Wachsen, Zeit, um einzusehen und sich zu ändern, Zeit für die kleinen Schritte, die ein Weg zur Versöhnung braucht. Ein Satz ist mir heute im Evangelium besonders aufgefallen: „Hab Geduld mit mir!" (Mt 18,26) Der erste Knecht wendet sich so an den König. Aber auch der zweite Knecht verwendet die gleiche Formulierung: „Hab Geduld mit mir!" (Mt 18,29) Hab Geduld. Gott hat Geduld.
Und vor allem: Gott schaut nicht zuerst auf unsere Schuld, auf unser Versagen, auf das, was trennt. Gott schaut mit einem liebenden Herzen auf unser Leben, so wie es ist, und er geht „in Vorlage": Gott liebt – einfach so. Dich und mich. Er liebt uns mit großer Geduld.
Das ist das große Geschenk. Und dieses Geschenk versöhnt und heilt und lässt das Herz zur Ruhe kommen. Und dieses Geschenk dürfen wir nachahmen und weitergegeben.

Jakob Bürgler

Die Predigt gibt es hier auch als PDF.

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