Das "schräge" Evangelium


Die Erzählung vom Suchen und Finden des verlorenen Schafs ist berührend - und irritierend. Ist es klug, dass der Hirte die Herde im Stich lässt? Was bedeutet das für uns? Die Predigt von Bischofsvikar Jakob Bürgler zum Abschlussgottesdienst der Universitäten und Hochschulen finden Sie im Link.

Herz-Jesu-Sonntag
26. Juni 2022
Dankgottesdienst der Universitäten und Hochschulen
Jesuitenkirche

Eigentlich ist es verrückt, was der Hirte da macht. Er hat eine große Herde von Schafen, 100 Stück. Prachtvolle Exemplare. Er ist kein Looser. Er hat Erfolg. Kann sich sehen lassen. Verlieren gehört nicht zu dem, was sein Leben ausmacht.
Und genau ihm passiert es, dass er etwas verliert. Obwohl er kein Looser ist. Er verliert ein Schaf. Eines der hundert. Also: Nicht so tragisch. Es sind ja noch 99 da. Kein großer Verlust. Wer weiß, wo das Schaf hingelaufen ist, und ob es nicht selber schuld ist an seinem Schicksal. Was tun? Weitermachen. Einfach weitermachen. Der Auf-wand lohnt sich nicht. Schade, aber so ist das Leben nun einmal. Sorry. Der Hirte wird den Verlust schon verwinden. Morgen ist ein neuer Tag.
Aber: Der Hirte ist verrückt. Er macht sich doch tatsächlich auf den Weg, um dieses verlorene Schaf zu suchen. Und als ob das noch nicht genug wäre: Er lässt die anderen 99 einfach zurück. In der Wüste. Dort, wo es gefährlich ist. Dort, wo den Schafen Schlimmes passieren kann. Man braucht sich diese Szene nur in Tirol vorstellen: Ein Schafbauer auf der Suche nach einer Nebensächlichkeit, und dann kommt der Wolf und reißt seine Herde. Das ist verrückt.
Und insofern ist die rhetorische Frage Jesu nicht ohne. „Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?" (Lk 15,4) Jesus erwartet die Antwort: „Ja sicher!" Eigentlich müsste man ihm antworten: „Nein, sicher nicht!" Das ist doch verrückt!
Und damit wird etwas ganz Wesentliches von der Botschaft Jesu und vom Christentum deutlich: Der christliche Lebensentwurf stellt alles auf den Kopf. Er ist nicht logisch. Nicht fein geglättet und smoothy. Nicht das Ergebnis wissenschaftlicher Präg-nanz und auch nicht logische Konsequenz philosophischer Überlegungen. Das gehört natürlich dazu, und eine verantwortbare Reflexion des Glaubens mit wissenschaftlicher Prägnanz und philosophischer Redlichkeit sind unverzichtbar. Aber: Das Chris-tentum und seine Ausrichtung sind „schräg". Stehen quer zum Mainstream. Sind von sich aus nicht unbedingt mehrheitsfähig.
Ein kulturell geprägtes Christentum, wie wir es haben, ist grundsätzlich gut, weil es ein Menschenbild in den Diskurs einbringt, das nicht einfach auf ökonomische oder nutzenbringende Aspekte reduzierbar ist. Aber: Das Kulturchristentum ist ausbaufähig. Es deckt nicht alles ab. Wer sich in die Tiefe christlicher Botschaft einlässt, der wird „seine Wunder erleben". Ja, es ist fordernd. Herausfordernd. Manchmal steil. Kein Schonwaschgang. Keine Suppe, die man endlos verwässern kann. Das Christentum ist eine Weltanschauung mit Anspruch, mit Profil.
Von daher ist es auch kein Wunder, dass sich das Christentum nicht einfach von automatisch erschließt. Und Massen anzieht. Alle Akademikerinnen und Akademiker in Scharen anlockt. Es geht um eine Grundentscheidung. Und die Frage lautet: Bin ich „verrückt" genug? Verrückt unter Anführungszeichen.
Der Hirte geht dem einen verlorenen Schaf nach. Oder wie es der Prophet Ezechiel sagt, wenn er von Gott spricht: „Das Verlorene werde ich suchen, das Vertriebene werde ich zurückbringen, das Verletzte werde ich verbinden, das Kranke werde ich kräftigen. Doch das Fette und Starke werde ich vertilgen." (Ez 34,16) Also: Eine klare Linie. Da geht nichts mit einer Scheinwelt, die nur auf Selbstprofilierung und Fassade baut. Nichts mit dem Prinzip, dass der Stärkere sich durchsetzt und alles andere keine Beachtung verdient.
Christentum geht anders. Es liegt quer. Es ist eine Irritation. Es fordert heraus. Und obwohl es in der Botschaft Jesu, im Evangelium, auf den ersten Blick um das Verlieren geht, erzeugt es doch keine Looser. Sondern Gewinner. Denn jeder Mensch verliert. Da gibt es keine Ausnahme. Jeder verliert und muss lernen, wie er das Verlieren gut integrieren kann. Die Botschaft Jesu sagt: Wenn du verlierst und wenn du verloren bist, dann gibt es einen, der sucht, der dich sucht. Der sucht, bis er findet. Der zum Leben führt, auch wenn Wunden geschlagen werden.
Dazu drei kleine Aspekte zum Weiterdenken.
Ein erster Aspekt: Der Hirte, von dem Jesus im Gleichnis erzählt, ist Gott. Gott handelt so. Gott ist so. Gott ist „verrückt". Er riskiert alles, auch seinen guten Ruf, und macht sich auf die Suche. Gott geht in Vorlage. Gott sucht. Und wenn ich mich auf ihn einlasse, dann werde ich erfahren, dass er auch mich sucht. Dazu möchte ich wirklich einladen: Lass dich ein auf eine Erfahrung mit Gott! Wer Gott keine Chance gibt, der wird auch nichts erleben. Lass dich finden!
Ein zweiter Aspekt: Es geht im Kern um das Verlorene, um das, was wund ist und Balsam braucht. Es geht um die offenen oder versteckten Krisenpunkte – im persönlichen Leben wie auch im sozial-politischen Kontext. Das Christentum hat auch deshalb viele Menschen überzeugt, weil es an der Seite der Armen war. Ein Christentum, das zu viel mit der weltlichen Macht paktiert, verliert schnell seinen Anspruch und seine Kraft. So wie Gott sich auf die Seite der bedrängten und armen Menschen gestellt hat, so ist das auch unser Auftrag.
Und ein dritter Aspekt: Der Hirte schaut über seinen kleinen Schafstall hinaus. Sicher: Es ist schön, wenn man gute und feste Zäune hat. Wenn es die Schafe im Stall fein haben. Aber: Die Weide Gottes ist größer. Wo sind jene, die auf deine Einladung warten? Wie kannst du die oft unsichtbaren Wunden der jungen Menschen wahrnehmen und ein wenig auffangen? Wer in deinem Umfeld sucht nach einer tieferen Freude, nach ein wenig mehr Sinn und Lebendigkeit? Wen kann ich einladen und mitnehmen? Um das geht es: Bleibe ein suchender Mensch.

Der Hirte im Evangelium ist „verrückt". Aber – und davon bin ich überzeugt – „heilsam verrückt". Er setzt den ersten Schritt. Er macht sich auf die Suche. Er spürt das Verlorene, das Bittere und die Not auf. Und: Er schaut weit aus. Er hat einen großen Horizont. Machen wir es wie er!

Jakob Bürgler

Die Predigt finden Sie hier auch als PDF.

 

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