Herz Jesu - Einladung zur Barmherzigkeit


Die Antwort Gottes auf die Misere des Menschen lautet "misericordias" - Barmherzigkeit. Das wird im Herzen Jesu sichtbar. Gedanken von Bischofsvikar Jakob Bürgler zum Herz-Jesu-Fest finden Sie im Link.

Herz-Jesu-Gelöbnisgottesdienst
Freitag, 24. Juni 2022
Stams

Die Erzählung vom verlorenen Schaf gehört im Religionsunterricht zu den Highlights. Kinder können sich wunderbar hineinfühlen in dieses arme Schaf, das in einer derartigen Misere steckt. Und sie staunen über den Hirten, der alles tut, um dieses eine Schaf zu finden. Und wie er es dann voll Freude auf die Schultern nimmt und heimträgt – das rührt das Herz an.
Das Gleichnis vom verlorenen Schaf ist eine klare Ansage Jesu. Auf die „Misere", in der das Schaf steckt, gibt es nur eine einzige Antwort: nämlich die „misericordias", die „Barmherzigkeit" – also das Herz, das sich in die Misere hineinbegibt und das die Mi-sere überwindet. Die Antwort auf die Misere lautet im Sinne Jesu „misericordias" – „Barmherzigkeit" – nicht Anschuldigung, Konfrontation oder Aggression.

Alles gut. Aber ob das klug ist? Dieser Hirte lässt doch tatsächlich die anderen Schafe seiner Herde im Stich, neunundneunzig von ihnen. In der Wüste, also dort, wo wilde Tiere nur darauf warten, ein Schaf zu reißen. Das ist doch verrückt. Viel klüger wäre es, eines der Schafe draufgehen zu lassen als alle zu gefährden. Wer weiß: Vielleicht ist es ja schuld an seinem Schicksal.
Wenn wir als Kirche im Anliegen der Barmherzigkeit „sammeln" gehen, wenn wir zum Teilen einladen oder auffordern, dann hören wir immer wieder: „Ich bin ja nicht die Caritas!" Oder: „Ich bin ja nicht die Mutter Teresa!" Oder andere sagen: Mit der Bibel kann man keinen Staat regieren, keine nachhaltige Politik machen. Und Krieg kann man sowieso keinen gewinnen, wenn man die Worte Jesu ernst nimmt.

Wie aber mit einer solchen Erzählung wie dem Gleichnis vom verlorenen Schaf umgehen? Was hat der Text zu sagen? Auch im Kontext von Politik, Gelöbnis, Tradition, authentischem Christentum? Was bedeutet Barmherzigkeit im Blick auf eine lebendig verstandene Herz-Jesu-Frömmigkeit?

Barmherzigkeit ist wie Liebe nicht zuerst eine Gefühlsregung oder eine emotionale Betroffenheit, sosehr das Gefühl und die Betroffenheit dazugehören. Wer im Herzen nicht anrührbar ist, der ist kein Mensch. Aber Barmherzigkeit ist mehr. Sie ist eine Entscheidung. Wie übrigens auch Liebe. Eine Liebe, die nur durchhält und bestehen bleibt, wenn sie ein gutes Gefühl auslöst, hat keine Kraft, keine Nachhaltigkeit, kein Durchhaltevermögen. Sie kommt und geht wie der Wind. Wer sich für die Barmher-zigkeit als Grundoption im Leben entscheidet, der hat ein Fundament, das mehr ist als Luft. Dieses Fundament wird ihn auch dann tragen, wenn die Fragen schwierig werden, wenn es Widerstand gibt, wenn Menschenwürde mit Füßen getreten wird, wenn menschenfeindliche Töne die Diskussion bestimmen, wenn mit vereinfachenden Antworten auf Stimmenfang gegangen wird.

Barmherzigkeit ist eine Entscheidung. Entweder ich baue darauf oder eben nicht. Die Entscheidung wird mir in der jeweiligen Situation helfen, den Blick auf das verlorene Schaf nicht zu verlieren, immer auch die Not und den konkreten Menschen zu sehen. Wer das Herz Jesu verehrt, der trifft eine Entscheidung für die Barmherzigkeit. Sonst verehrt er das Herz Jesu nicht. Diese Entscheidung zeigt sich im Umgang in alltägli-chen Begegnungen, am Arbeitsplatz, am Stammtisch, mit der eigenen Familie genauso wie im politischen Diskurs.

Und ein zweiter Gedanke: Barmherzigkeit muss, auch wieder wie die Liebe, eingeübt und geübt werden. Niemand fällt als Meister vom Himmel. Zur grundsätzlichen Entscheidung braucht es auch das tägliche Üben. Und damit auch einen aufmerksamen Blick: Wo in meiner Umgebung, wo in meiner Nachbarschaft, wo in meinen tagtäglichen Herausforderungen will oder muss ich ein Stück barmherziger werden? Wo braucht es mein Anpacken, meine helfende Hand? Wo mein Engagement? Ohne soziales Engagement, das über meine eigenen vier Wände hinausgeht, stirbt eine menschenwürdige Gesellschaft.

Ich selber habe folgende Erfahrung gemacht: Bei den Treffen der Weggemeinschaften geht es darum, die Not im eigenen Umfeld in den Blick zu nehmen. Zuerst einmal sehe ich keine Not. Alles ok. Alles in Ordnung. Alles gut und stabil. Erst beim genaueren Nachdenken und Hinschauen zeigen sich Risse, vielleicht kleine Risse, Stolpersteine, Nöte, Belastungen, Situationen, die ein hilfsbereites Herz brauchen. Also: Es ist wichtig, die Wachsamkeit und die Barmherzigkeit einzuüben. Manchmal haben wir Angst, dass wir dann selber zu kurz kommen. Meine Erfahrung ist: Wenn ich für die Not anderer wach bin, dann erlebe ich ein Plus an Sinn und Lebensfreude, die ich nie hätte, wenn ich stumpf und unbarmherzig bin.

Barmherzigkeit ist eine Entscheidung und sie ist eine Übung. Und was hat das mit dem christlichen Glauben zu tun? Auch mit der Verehrung des Herzens Jesu? Gott hat, noch bevor ich eine Entscheidung treffe, eine Entscheidung getroffen: Dass er mich liebt und dass er mein Leben mit seiner Barmherzigkeit umfängt. Und er gibt mir immer wieder die Kraft, Barmherzigkeit einzuüben und darin zu wachsen. „Jesus, bilde unser Herz nach deinem Herzen."

Jakob Bürgler

Hier finden Sie die Predigt auch als PDF.

 

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